Das Heiligtum der Artemis Amarysia

Die historische Wichtigkeit des Artemision von Amarynthos stammt hauptsächlich aus dem Kapitel, das Strabo in dem zehnten Buch seiner Geographie der Insel Euböa widmet (X 1,1-13). Das Heiligtum beherbergte wichtige öffentliche Dokumente, zu denen ein Gesetz zur Organisation der jährlichen Prozession von Eretria nach Amarynthos gehört. Die Zeremonie nahm die Form einer Militärparade von 3000 stark bewaffneten Soldaten (hoplitai), 600 Reitern (hippeis) und 60 Streitwagen (harmata) an. Diesen Zahlen könnte eine ausgeklügelte politische Struktur zugrunde liegen, die vielleicht mit der Verteilung der eretrischen Bürger in sechs Tribus (phylai) ab etwa 500 v. Chr. zu tun hatte (etwa zur selben Zeit führte Athen seine zehn Tribus ein). Möglicherweise stellte jede Tribus 500 Fusssoldaten, 100 Reiter und 10 Streitwagen für die Prozession zur Verfügung. Ein zweites Dokument, das von Strabo erwähnt wird, ist eine militärische Übereinkunft zwischen den rivalisierenden Städten Chalkis und Eretria, vermutlich um den Gebrauch von Wurfgeschossen zu verbieten; dieser Vertrag wird häufig mit dem halb-mythologischen lelantinischen Krieg in Verbindung gebracht.

Artemis, die Beschützerin des Bürgerstaats

Die Funktion des Heiligtums als epiphanestatos topos – der Ort, an dem die Beschlüsse der Eretrieôn polis bevorzugt festgehalten wurden – wurde von verschiedenen epigraphischen Entdeckungen seit dem 19. Jahrhundert bestätigt. In einem Vertrag um 400 v. Chr. zwischen Eretria und dem nord-euböischen Histiaia steht geschrieben, dass die eretrische Kopie des Dekrets in Amarynthos ausgestellt werden soll (IG XII 9, 188). Ein weiterer Vertrag zwischen Eretria und Styra wurde in den Ausgrabungen 2017 in Amarynthos gefunden. Diese vierzigzeilige Inschrift datiert in das letzte Jahrzehnt des 5. Jahrhunderts v. Chr. und legt den Rahmen der Eingliederung der kleinen Nachbarstadt Styra in die grosse polis Eretria fest. Ehrendekrete aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. verraten, dass die Wohltäter der polis durch die Weihung zweier Bronzestatuen verewigt wurden, von denen je eine im Stadtgymnasium und im Artemision aufgestellt wurde. Zur gleichen Zeit taucht das Bildnis der Artemis Amarysia auf der Vorderseite der eretrischen Tetradrachmen und Oktobolen auf.

Die politische Rolle der Gottheit wird durch andere Texte und Dokumente offenbart. Eine der wichtigsten Quellen ist eine im Heiligtum ausgestellte Stele, die den Entschluss zur Gründung und die Regeln eines neuen Wettbewerbs festhält, der den Ruhm der Artemisia-Festivitäten vergrössern sollte (IG XII 9, 189). Die Gottheit ist darauf gleichzeitig als Metaxy (‚die in der Mitte‘) und Phylake (‚der Wächter und Beschützer‘) bezeichnet. Der Text bezieht sich auf die Zeit der bürgerlichen Unruhen (stasis), die über mehrere Jahre hinweg die polis Eretria zerrissen und gar ihre Existenz bedroht hatten. Artemis hielt sich jedoch aus den Auseinandersetzungen raus und stellte stattdessen die Rettung von Eretrias Bewohnern sicher. Sobald sie von der Tyrannei befreit waren und zu ihrem vorherigen Reichtum zurückgefunden hatten, drückten die Eretrier ihre Wertschätzung für Artemis durch die Gründung eines Musikwettbewerbs aus, um so ihre Wächtertätigkeit durch Poesie und instrumentale Veranstaltungen zu feiern (mit Geldpreisen, die sicherlich eine grosse Anzahl von Wettbewerbern anzogen).

Eine weitere Inschrift aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., das eretrische Gesetz gegen Tyrannei und Oligarchie (SEG 51, 1105), zeigt eine sonst unbekannte Besonderheit der Artemisia und bestätigt die politische Wichtigkeit des Heiligtums. Dieses Gesetz schreibt vor, dass Gegner der demokratischen Regierung von einem feierlichen Fluch getroffen werden sollten, der jährlich von allen Priestern und Priesterinnen bei den zwei wichtigsten Festivitäten, den Dionysia in Eretria und den Artemisia in Amarynthos, ausgesprochen wurde. Der Text schreibt weiterhin vor, dass der Zehnte, der auf die Eigentumsbeschlagnahme von zu Tode verurteilten oder verbannten Bürgern erhoben wurde, an Artemis Amarysia gehen sollte. Diese Klausel machte den Schatz der Artemis zu Eretrias wichtigstem heiligen Fonds.

Ein pan-euböischer Kult

Artemis Amarysia stand neben ihrem Bruder Apollo Daphnephoros (Schirmherr des wichtigsten urbanen Heiligtums) an erster Stelle des eretrischen Pantheons und wurde auch über die eretrischen Grenzen hinaus verehrt. In Attika ist ein Amarysion im Demos von Athmonon, nördlich von Athen, bezeugt (der moderne Name, Maroussi, stammt von dem bis heute nicht georteten Heiligtum). Pausanias erklärt, dass die Ursprünge dieser Festivitäten „in Amarynthos, wo die Euböer immer noch Artemis Amarysia verehren“ zu suchen sind (1.32.5). Dass Pausanias die Euböer und nicht speziell die Eretrier erwähnt, liegt vermutlich daran, dass er sich der paneuböischen Dimensionen der Artemisia bewusst war. Tatsächlich behauptet Titus Livius (35.38.3, nach einer Passage von Pausanias), dass die Bewohner von Chalkis und Karystos sich den Eretriern in Amarynthos für die jährliche Feier der Göttin (sacrum anniuersarium Amarynthidis Dianae) anschlossen, was durch eine Inschrift von Karystos bestätigt ist.

Aus diesem Grund war das Artemision aller Wahrscheinlichkeit nach das wichtigste Heiligtum Euböas. Man kann also guten Gewissens annehmen, dass es spätestens zu Beginn des vierten Jahrhunderts v. Chr. den Status eines koinon hieron – eines Heiligtums für den gesamten euböischen ethnos –  innehatte, als die ersten Schritte in Richtung eines föderalen euböischen Bundes gemacht wurden. Der Kult selber muss allerdings deutlich älter sein und auf die geometrische oder vielleicht sogar mykenische Epoche zurückgehen, wo der Name Amarynthos (a-ma-ru-to) auf der Linear-B-Tafel TH Of 25 und einem der beschriebenen Siegel der thebanischen Kadmeia auftaucht. Zu guter Letzt muss hervorgehoben werden, dass Artemis in Amarynthos zusammen mit anderen Gottheiten verehrt wurde, wie dem eretrischen Helden Narkittos/Narcissus, der nach einer alten lokalen Tradition Amarynthos‘ Sohn war.