Amarynthos

Amarynthos“ wird von mehreren griechischen und römischen Quellen mit dem wichtigen Artemisheiligtum in der Nähe von Eretria auf der Insel Euböa in Verbindung gebracht. Steininschriften mit einigen der wichtigsten Dekrete der Stadt wurden im Heiligtum ausgestellt, wo auch der Staatsschatz aufbewahrt wurde. Die prestigeträchtigsten Festivitäten der Eretrier, die Artemisia, fanden dort statt und zogen nicht nur die Bürger der vier poleis von Euböa, sondern auch Menschen aus weiter entfernten Regionen an.

Trotz seiner regionalen Berühmtheit und Bedeutung konnten die Überreste des Heiligtums nicht archäologisch identifiziert werden. Die Lokalisierung des Artemision war über ein Jahrhundert lang ein vertracktes Problem der euböischen Topographie, bis jüngste Grabungen der Schweizerischen Schule in Zusammenarbeit mit der Ephorie der Altertümer von Euböa seine Lage ohne jeden Zweifel in der Nähe des Paleoekklisies, etwa 11 km östlich von Eretria, bestimmen konnten.

Die Lage des Artemisheiligtums von Amarynthos

Die Suche nach dem Artemision

Bis ins 19. Jahrhundert zweifelten nur wenige europäische Reisende und griechische Archäologen an Strabo’s Aussage, dass das Heiligtum der Artemis Amarysia nur eine kurze Distanz von Eretria entfernt war; nach seinen Angaben lag die kleine Stadt (kome) Amarynthos 7 stadia (ca. 1,250 m) ausserhalb der Stadtmauern. Die Ausgrabungen der American School of Classical Studies im Jahre 1900 konnten das Heiligtum jedoch nicht ausfindig machen, während zufällige Entdeckungen – in erster Linie Inschriften – aus der Kato Vathia-Region darauf hinwiesen, dass das Artemision weiter östlich im Bereich des Paleoekklisies Hügels gelegen haben könnte.

Die Debatte über die Lage von Amarynthos dauerte noch einen Grossteil des 20. Jahrhunderts. Bedeutende Archäologen wie John Boardman hielten an der traditionellen Lokalisierung fest und konzentrierten sich auf Überreste im vorstädtischen Gebiet von Eretria. In den frühen 1970ern führte Denis Knoepfler eine systematische Studie der verfügbaren Hinweise durch und kam zu dem Schluss, dass Strabo’s Entfernung falsch war. Seiner Meinung nach wurden im Laufe der Überlieferung des Textes die ausgeschriebenen Zahlen mit alphabetisch notierten Nummern ersetzt. In diesem System wird die Nummer 7 (ἑπτά) durch den Buchstaben ζ (zeta) wiedergegeben, der dem Buchstaben ξ (xi), also der Nummer 60 (ἑξήκοντα), sehr ähnlich ist. Ein byzantinischer Abschreiber könnte also ohne Weiteres ein ζ mit einem ξ verwechselt haben. Daher kann angenommen werden, dass die Distanz im Originaltext der Geographie sechzig stadia (und nicht sieben) zwischen Eretria und Amarynthos betrug. Diese Zahl (etwa 10.8 km) entspricht exakt der Länge des direkten Weges zwischen dem Osttor von Eretria und dem westlichen Fusse des Paleoekklisies Hügels. Die Hypothese musste allerdings noch durch die Entdeckung von Überresten bestätigt werden, die klar als Artemisheiligtum identifiziert werden konnten. Dies bedurfte weiterer 20 Jahre von Untersuchungen.

 

 

Karte der Morea Expedition (1852)

Die Erforschung von Amarynthos

Die generelle Lage des Heiligtums konnte jetzt etwas zuverlässiger rekonstruiert werden. Es waren jedoch keine architektonischen Überreste sichtbar, obwohl einige moderne Bauprojekte in den 1960ern im betroffenen Gebiet durchgeführt worden waren. Die Entdeckung einer Grube mit Votivfunden in einiger Distanz zum Meer, gefunden vom griechischen archäologischen Amt 1987, löste eine grosse Kontroverse aus: Keine archäologischen Strukturen wurden in Zusammenhang mit der Grube gefunden, bei der es sich wohl um ein Versteck von illegalen Ausgräbern handeln könnte.

In den frühen 2000ern schickte sich die Schweizerische  Schule an, die Region um den Paleoekklisies Hügel zu erforschen. 2003 und 2004 wurde eine gross angelegte geophysische Untersuchung durchgeführt, aufgrund deren Ergebnisse in den Jahren 2006 und 2007 Versuchsschnitte angelegt wurden. Die erste Grabungskampagne war nicht aufschlussreich, obwohl man auf eine helladische Siedlung nördlich der Anhöhe stiess. Der Wendepunkt kam mit der Kampagne von 2007, als die massiven Fundamente eines monumentalen Gebäudes in einer Tiefe von 2.10 m unter der Oberfläche am westlichen Fusse des Hügels gefunden wurden. In den folgenden zehn Jahren erwarb die Schweizerische Schule mehrere Grundstücke, um eine grössere Oberfläche für die Grabungen in Zusammenarbeit mit der Ephorie der Altertümer von Euböa zur Verfügung zu stellen. Mehrere antike Gebäude – inklusive einer grossen Stoa – kamen daraufhin zu Tage, was auf einen grossen öffentlichen Komplex, in aller Wahrscheinlichkeit das Heiligtum der Artemis Amarysia, schliessen liess. Im Jahr 2017 wurden schliesslich überzeugende Beweise für die Identifizierung des Artemisions geliefert, als eine Reihe von gestempelten Terrakottaziegeln mit dem Namen der Göttin Artemis sowie mehrere Steininschriften mit den Namen der Triade,  also Artemis mit ihrem Bruder Apollo und ihrer Mutter Leto, entdeckt wurden.

 

Amarynthos (Plan 2017)

Weitere Literatur

  • Knoepfler Denis, Sur les traces de l’Artémision d’Amarynthos près d’Érétrie. CRAI 1988, 382–421.
  • Ghilardi Matthieu et al., Reconstructing mid-to-recent Holocene paleoenvironments in the vicinity of ancient Amarynthos (Euboea, Greece). Geodinamica Acta 25.1-2, 2012, 38-51.
  • Fachard Sylvian et al., Recent Research at the Sanctuary of Artemis Amarysia in Amarynthos (Euboea). Archaeological Reports, JHS 2017, 167–180.
  • Reber Karl et al., Auf der Suche nach Artemis. Die Entdeckung des Heiligtums der Artemis Amarysia. Antike Welt 4, 2018, 52–58.
  • Antike Kunst Berichte.